banner bild von Parri Mortazavi das Thema Verschiedene Östrogenarten wie Estradiol, Estriol und Estron einfach erklärt für Frauen ab 40.

Östrogenarten ab 40: Estradiol, Estriol und Estron einfach erklärt

Geschrieben von: Parri Mortazavi

|

Veröffentlicht

|

Lesezeit 17 min

Hallo meine Lieben,

in meinem letzten Artikel habe ich ausführlich darüber geschrieben, warum Östrogen schon ab 40 interessant wird, was während der Perimenopause passiert und weshalb wir heute über Hormontherapie wesentlich differenzierter sprechen als noch vor einigen Jahren.

Falls ihr diesen Beitrag noch nicht gelesen habt, würde ich tatsächlich dort anfangen, denn dann versteht ihr auch viel leichter, worüber ich heute sprechen möchte.

Denn nachdem wir geklärt haben, was Östrogen grundsätzlich macht, kommt eigentlich sofort die nächste Frage:

Kurz zusammengefasst

Östrogen ist nicht gleich Östrogen. Estradiol, Estriol und Estron gehören zwar zur gleichen Hormonfamilie, haben aber unterschiedliche Aufgaben und werden auch unterschiedlich eingesetzt. Estradiol spielt bei der systemischen Hormontherapie die wichtigste Rolle, Estriol wird häufig lokal vaginal verwendet und Estron gewinnt nach der Menopause an Bedeutung. Welche Form sinnvoll ist, hängt immer davon ab, welche Beschwerden behandelt werden sollen, in welcher Lebensphase sich eine Frau befindet und welche individuellen Risiken bestehen.

Welche Östrogenarten gibt es eigentlich?

Genau an dieser Stelle wird es nämlich gerne unübersichtlich.

Die eine Frau bekommt Estradiol als Gel, die nächste trägt ein Pflaster, eine andere verwendet vaginal Estriol und irgendwo fällt dann noch der Begriff Estron. Alle drei gehören zur Familie der Östrogene, und trotzdem sind sie nicht dasselbe.

Ich erlebe in der Praxis immer wieder, dass Frauen sagen: „Ich nehme doch schon Östrogen.“

Wenn ich dann frage, welches Östrogen sie meinen, wird es manchmal still.

Das ist überhaupt nicht verwunderlich, denn diese Unterschiede erklärt einem meistens niemand.

Also machen wir das heute.

Nicht als Biochemievorlesung, sondern so, dass man am Ende wirklich versteht, warum das eine Östrogen eher im ganzen Körper eingesetzt wird und ein anderes vor allem lokal eine Rolle spielt.

Östrogen ist eigentlich ein Familienname

Wenn wir über Östrogen sprechen, meinen wir keine einzelne Substanz, sondern mehrere verwandte Hormone, die an Östrogenrezeptoren wirken und deren Bedeutung sich im Laufe unseres Lebens verändert.

Die drei wichtigsten natürlichen Östrogene des weiblichen Körpers sind Estradiol, Estron und Estriol.

Sie werden häufig auch mit E2, E1 und E3 bezeichnet.

Warum diese Reihenfolge nicht eins, zwei, drei lautet, sondern E1 Estron, E2 Estradiol und E3 Estriol heißt, gehört zu den kleinen Späßen der Biochemie, mit denen sie überprüft, ob wir noch aufmerksam sind.

Für uns ist zunächst wichtiger, dass diese drei Östrogene nicht einfach austauschbar sind.

Estradiol ist während der fruchtbaren Jahre das wichtigste biologisch aktive Östrogen. Estron gewinnt nach der Menopause relativ an Bedeutung und Estriol kennen wir besonders aus der Schwangerschaft und aus der lokalen vaginalen Anwendung. Estradiol gilt als das wichtigste physiologische Östrogen in der reproduktiven Lebensphase.

Infografik zu den drei wichtigsten Östrogenarten Estradiol, Estriol und Estron mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und ihrer Bedeutung in den Wechseljahren.
Nicht jede Östrogenart verfolgt dasselbe Ziel. Während lokales Östrogen vor allem bei Beschwerden im Vaginal und Urogenitalbereich eingesetzt wird, kommt systemisches Estradiol eher dann infrage, wenn Beschwerden den ganzen Körper betreffen, zum Beispiel Hitzewallungen oder Nachtschweiß. Entscheidend ist deshalb nicht, welches Östrogen allgemein als „das beste“ gilt, sondern welches zur einzelnen Frau, ihren Beschwerden und ihrer gesundheitlichen Situation passt.

Estradiol als Tablette, Gel oder Pflaster: Warum der Einnahmeweg eine Rolle spielt

Wenn wir über eine Hormontherapie mit Estradiol sprechen, geht es nicht nur darum, welches Hormon wir verwenden und wie hoch die Dosis ist. Auch die Frage, wie Estradiol in den Körper gelangt, spielt eine wichtige Rolle.

Dabei müssen wir zwei Dinge voneinander unterscheiden: die Art des Hormons und den Aufnahmeweg. Körperidentisches 17β-Estradiol entspricht in seiner chemischen Struktur dem Estradiol, das unser Körper selbst bildet. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jede Darreichungsform dasselbe Risikoprofil besitzt.

Wird Estradiol als Tablette eingenommen, gelangt es nach der Aufnahme aus dem Darm zunächst über die Pfortader zur Leber. Dort findet der sogenannte First-Pass-Effekt statt. Dabei beeinflusst orales Östrogen unter anderem die Bildung verschiedener Gerinnungsproteine. Entsprechend zeigen Studien und Leitlinien bei oralem Östrogen ein höheres Risiko für venöse Thromboembolien als bei einer transdermalen Anwendung. Das gilt grundsätzlich auch dann, wenn körperidentisches Estradiol verwendet wird.

Bei Gel, Spray oder Pflaster wird Estradiol dagegen über die Haut aufgenommen und gelangt direkt in den Blutkreislauf. Die erste Leberpassage wird weitgehend umgangen. Aktuelle internationale und europäische Empfehlungen bevorzugen deshalb bei Frauen mit erhöhtem Thromboserisiko niedrig dosiertes transdermales Estradiol. Auch das zweite Hormon einer kombinierten Hormontherapie spielt eine Rolle. Frauen mit Gebärmutter benötigen bei einer systemischen Estradioltherapie in der Regel einen ausreichenden Schutz der Gebärmutterschleimhaut durch ein Gestagen beziehungsweise Progesteron. Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Wirkstoffe ebenfalls.

Mikronisiertes körperidentisches Progesteron gehört hinsichtlich des Thromboserisikos zu den günstigeren Optionen.

Das bedeutet nicht, dass transdermales Estradiol grundsätzlich risikofrei ist oder für jede Frau automatisch die beste Lösung darstellt. Alter, Gewicht, Rauchen, vorausgegangene Thrombosen, familiäre Belastung, bestimmte Gerinnungsstörungen, Begleiterkrankungen, Dosis und weitere Medikamente gehören in die individuelle Beurteilung.

Manchmal wird zusätzlich Nattokinase empfohlen, weil das aus Natto gewonnene Enzym fibrinolytische Eigenschaften besitzt. Für eine routinemäßige Einnahme zur Vorbeugung von Thrombosen unter einer Hormontherapie gibt es derzeit jedoch keine ausreichende klinische Evidenz. Auch die aktuellen Menopause-Leitlinien empfehlen keine routinemäßige gerinnungshemmende Prophylaxe bei Frauen, die eine Hormontherapie beginnen. Viel wichtiger ist es, das individuelle Thromboserisiko vor Beginn der Therapie zu beurteilen und die Hormontherapie entsprechend auszuwählen. Nattokinase kann zudem die Blutgerinnung beeinflussen und sollte insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Medikamente nicht unkritisch eingesetzt werden.

Für mich zeigt gerade dieses Beispiel sehr schön, warum die Frage heute nicht mehr einfach „Hormone ja oder nein?“lauten sollte. Entscheidend ist vielmehr: Welches Hormon? Welche Dosis? Welcher Aufnahmeweg? Welches Progesteron oder Gestagen? Und welche individuellen Risikofaktoren bringt die einzelne Frau mit?

Eine moderne Hormontherapie sollte genau diese Unterschiede berücksichtigen.

frau mit hashimoto denkt über Östrogenarten nach

Und was hat das Ganze mit der Schilddrüse zu tun?

Wenn du Hashimoto hast oder Schilddrüsenhormone einnimmst, gibt es noch einen Punkt, den ich bei der Wahl der Östrogenform wichtig finde. Denn auch hier macht es einen Unterschied, ob Estradiol als Tablette geschluckt oder über die Haut aufgenommen wird.

Oral eingenommenes Östrogen passiert zunächst die Leber. Dort kann es die Bildung des sogenannten Thyroxin bindenden Globulins, kurz TBG, erhöhen. Dieses Eiweiß bindet Schilddrüsenhormone im Blut. Steigt TBG deutlich an, kann sich dadurch auch die Menge des frei verfügbaren Schilddrüsenhormons verändern.

Für eine Frau mit gesunder Schilddrüse ist das meist kein großes Problem, weil die Schilddrüse entsprechend reagieren kann. Anders kann es aussehen, wenn die Schilddrüse wegen Hashimoto oder einer Unterfunktion nicht mehr ausreichend selbst produziert und Schilddrüsenhormone eingenommen werden. Studien zeigen, dass unter oralem Östrogen bei manchen Frauen das freie T4 sinken und das TSH ansteigen kann. In einzelnen Fällen muss deshalb die Dosis des Schilddrüsenhormons angepasst werden.

Bei Estradiol über die Haut, also beispielsweise als Gel oder Pflaster, ist dieser Einfluss auf TBG wesentlich geringer. Das bedeutet nicht, dass transdermales Estradiol automatisch für jede Frau die bessere Wahl ist. Aber gerade bei Frauen mit Hashimoto oder einer behandelten Schilddrüsenunterfunktion ist es ein Punkt, den ich bei der Entscheidung für eine Hormontherapie mit berücksichtigen würde.

Aus meiner Sicht gehört deshalb bei Frauen mit Schilddrüsenerkrankungen nach Beginn oder Veränderung einer Östrogentherapie auch ein Blick auf die Schilddrüsenwerte dazu. Besonders dann, wenn sich Befinden und Symptome plötzlich verändern. Denn ab 40 ist eben nicht immer alles nur die Schilddrüse und auch nicht immer alles nur die Wechseljahre. Manchmal funken einfach mehrere Hormonsysteme gleichzeitig dazwischen.

„Östrogen ist kein einzelnes Hormon, sondern eine Familie, und ihre Mitglieder haben ziemlich unterschiedliche Aufgaben.“

Parri

Estradiol, E2, das Östrogen, über das wir bei einer systemischen Hormontherapie meistens sprechen

Wenn eine Frau vor der Menopause einen normalen Zyklus hat, ist 17 Beta Estradiol das Östrogen, das von ihren Eierstöcken in relevanten Mengen gebildet wird und einen großen Teil der klassischen Östrogenwirkung vermittelt.

Estradiol wirkt nicht nur auf die Gebärmutterschleimhaut oder den Zyklus, sondern seine Rezeptoren finden sich in vielen Geweben des Körpers, weshalb Veränderungen des Estradiolspiegels auch außerhalb der Geschlechtsorgane wahrgenommen werden können.

Genau deshalb ist Estradiol auch die Östrogenart, die wir bei einer systemischen menopausalen Hormontherapie besonders häufig finden.

Es kann beispielsweise über ein Pflaster, Gel oder Spray über die Haut aufgenommen oder in bestimmten Präparaten oral eingenommen werden. Bei einer systemischen Anwendung gelangt das Östrogen in den Blutkreislauf und kann dadurch an verschiedenen Organen und Geweben wirken. Systemisches Östrogen gilt als besonders wirksam gegen Hitzewallungen und Nachtschweiß und schützt zudem vor dem frühen Knochenverlust nach der Menopause.

Wenn wir also von körperidentischem Estradiol bei einer systemischen Hormontherapie sprechen, reden wir normalerweise über 17 Beta Estradiol, dessen Molekülstruktur dem Estradiol entspricht, das der weibliche Körper selbst produziert.

Estriol, E3, warum dieses Östrogen so häufig vaginal eingesetzt wird

Estriol ist ein anderes natürlich vorkommendes Östrogen.

Viele Frauen kennen es, ohne überhaupt zu wissen, dass es sich von Estradiol unterscheidet, denn Estriol wird in Europa sehr häufig als vaginales Östrogen eingesetzt.

Seine große Stärke liegt dabei vor allem im lokalen Bereich.

Wenn nach der Menopause das Gewebe von Scheide und Vulva trockener und empfindlicher wird, wenn Brennen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder Beschwerden im Bereich der Harnwege auftreten, kann eine vaginale Östrogentherapie die Schleimhaut gezielt unterstützen.

Das Spannende ist, dass vaginal angewendetes Estriol überwiegend lokal wirkt.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte, wie sich vaginales Estriol auf die Hormonspiegel im Blut auswirkt. Dabei fanden die Forscher insgesamt keine klinisch relevanten langfristigen Veränderungen von Estradiol, Estron, Progesteron, Testosteron oder SHBG. Bei einzelnen Untersuchungen zeigte sich lediglich ein kleiner und vorübergehender Anstieg des Estriols selbst.

Das passt zu den aktuellen Empfehlungen von NICE, nach denen vaginales Östrogen hauptsächlich lokal aufgenommen wird und im Vergleich zu einer systemischen Hormontherapie nur eine sehr geringe Menge in den Blutkreislauf gelangt.

Und genau hier entsteht manchmal ein Missverständnis.

Eine Frau kann vaginal Estriol nehmen und damit sehr zufrieden sein, weil ihre Schleimhautbeschwerden verschwinden, ohne dass sie deshalb eine systemische Hormontherapie erhält.

Das eine ersetzt nicht automatisch das andere.

„Vaginales Estriol und systemisches Estradiol verfolgen nicht dasselbe Ziel, deshalb kann das eine das andere nicht automatisch ersetzen.“

Parri

Estriol ist nicht einfach das „schwächere Estradiol“

Dieser Satz begegnet mir häufig, und er ist mir eigentlich zu einfach.

Estriol besitzt zwar eine geringere und kürzere östrogene Wirkung als Estradiol, daraus sollte man aber nicht schließen, es sei einfach eine schlechtere Version davon.

Es hat vielmehr einen anderen therapeutischen Schwerpunkt.

Wenn ich gezielt eine trockene vaginale Schleimhaut behandeln möchte, brauche ich möglicherweise gar keine starke systemische Wirkung.

Dann kann gerade eine lokale Therapie sinnvoll sein.

Wenn eine Frau dagegen unter ausgeprägten Hitzewallungen und Nachtschweiß leidet und eine systemische Hormontherapie benötigt, wird üblicherweise Estradiol eingesetzt.

Man kann es sich ein bisschen so vorstellen:

Wenn ich eine Zimmerpflanze gießen möchte, muss ich nicht das gesamte Haus unter Wasser setzen.

Und umgekehrt wird es schwierig, einen ganzen Garten mit einer Pipette zu versorgen.

Lokal und systemisch sind einfach zwei unterschiedliche Behandlungsziele.

Und dann gibt es noch Estron, E1

Über Estron wird wesentlich weniger gesprochen, obwohl dieses Östrogen gerade nach der Menopause interessant wird.

Während der fruchtbaren Jahre produzieren die Eierstöcke vor allem Estradiol.

Nach der Menopause verändert sich die Situation jedoch grundlegend, weil die ovarielle Estradiolproduktion stark zurückgeht.

Jetzt spielen andere Gewebe bei der Östrogenbildung eine größere Rolle, darunter das Fettgewebe.

Dort können Androgene über das Enzym Aromatase in Östrogene umgewandelt werden, wobei nach der Menopause insbesondere Estron eine größere Rolle spielt.

Neuere Forschung aus dem Jahr 2025 bestätigt diesen Zusammenhang sehr deutlich. Nach der Menopause wird Fettgewebe zu einer wichtigen Quelle der Östrogenproduktion, wobei Estron im Vergleich zu Estradiol stärker in den Vordergrund tritt.

Und an dieser Stelle wird es für mich besonders interessant.

Haben sehr schlanke Frauen deshalb weniger Östrogen?

Das lässt sich nicht so einfach sagen.

Fettgewebe ist nach der Menopause tatsächlich an der Bildung von Östrogen beteiligt, und Untersuchungen zeigen, dass mit zunehmender Fettmasse auch die lokale Bildung von Estron und zum Teil Estradiol steigen kann.

Daraus dürfen wir aber nicht den Umkehrschluss machen:

Eine schlanke Frau hat automatisch einen behandlungsbedürftigen Östrogenmangel.

Und eine Frau mit mehr Körperfett ist automatisch ausreichend mit Östrogen versorgt.

So funktioniert der Körper leider nicht.

Körperzusammensetzung ist nur ein Faktor von vielen.

Auch Alter, individuelle Enzymaktivität, Eierstockfunktion, Medikamente, Genetik und die gesamte hormonelle Situation beeinflussen, welche Östrogene in welcher Menge entstehen und wie sie im Gewebe wirken.

Deshalb würde ich einer sehr schlanken Frau nicht allein wegen ihrer Figur systemisches Estradiol empfehlen.

Ich würde immer zuerst fragen:

Welche Beschwerden hat sie überhaupt?


Infografik zur Frage, wann lokales Östrogen oder systemisches Estradiol eingesetzt wird, mit Beispielen für Beschwerden und wichtigen Hinweisen zur Hormontherapie.

Welche Östrogenarten spielen in den Wechseljahren eine Rolle?

Genau hier landen wir bei der eigentlichen Praxisfrage.

Und die Antwort lautet nicht:

Jede Frau nach der Menopause braucht Estradiol.

Genauso wenig lautet sie:

Vaginales Estriol reicht immer.

Wir müssen uns anschauen, was behandelt werden soll.

Situation Was häufig infrage kommt Warum
Vaginale Trockenheit, Brennen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Beschwerden im Bereich der Harnwege Lokales vaginales Östrogen, je nach Präparat Estriol oder Estradiol Die Wirkung wird hauptsächlich lokal benötigt. NICE empfiehlt vaginales Östrogen ausdrücklich bei urogenitalen Beschwerden der Menopause.
Hitzewallungen und Nachtschweiß Systemisches Estradiol Systemisches Östrogen ist eine der wirksamsten Behandlungen vasomotorischer Beschwerden.
Systemische Beschwerden und zusätzlich ausgeprägte vaginale Beschwerden Systemisches Estradiol, gegebenenfalls ergänzt durch lokales Östrogen Auch Frauen unter systemischer Hormontherapie können zusätzlich vaginales Östrogen benötigen.
Keine relevanten Wechseljahresbeschwerden Nicht automatisch eine Östrogentherapie Eine natürliche Menopause allein ist keine automatische Verpflichtung zur systemischen Hormontherapie.
Gebärmutter vorhanden und systemisches Östrogen wird eingesetzt Zusätzlicher Endometriumschutz notwendig Östrogen allein kann die Gebärmutterschleimhaut stimulieren. NICE empfiehlt bei vorhandener Gebärmutter eine kombinierte Hormontherapie.
Sehr frühe Menopause oder vorzeitige Ovarialinsuffizienz Systemische Hormonersatztherapie hat einen anderen Stellenwert Bei einer deutlich zu frühen Menopause geht es neben Beschwerden auch um die langfristigen Folgen des frühen Hormonverlustes, sofern keine Gegenanzeigen bestehen.

Diese Tabelle ist natürlich keine Verordnungstabelle.

Sie soll vielmehr zeigen, warum die Frage „Welches Östrogen ist das beste?“ eigentlich die falsche Frage ist.

Die richtige Frage lautet:

Welches Problem möchte ich bei dieser Frau behandeln?

Warum diese Unterschiede nicht gegen eine Hormontherapie sprechen

Wenn ihr bis hierher gelesen habt, könnte leicht der Eindruck entstehen, eine Hormontherapie sei so kompliziert, dass man am besten gar nichts macht.

Genau das möchte ich nicht vermitteln.

Im Gegenteil: Ich bin einer individuell ausgewählten körperidentischen Hormontherapie grundsätzlich positiv gegenüber, wenn eine Frau Beschwerden hat, eine medizinische Indikation besteht und keine wichtigen Gründe dagegensprechen.

Dass wir heute zwischen Estradiol und Estriol, zwischen oral und transdermal, zwischen unterschiedlichen Dosen und verschiedenen Formen des Progesterons unterscheiden können, ist für mich kein Argument gegen die Hormontherapie.

Es ist ein Vorteil.

Denn je genauer wir wissen, was wir einsetzen, desto besser können wir eine Behandlung an die einzelne Frau anpassen.

Für mich geht es deshalb nicht darum, Hormone möglichst lange zu vermeiden, sondern darum, sie dort sinnvoll einzusetzen, wo sie Lebensqualität erhalten oder verbessern können, und dabei Nutzen und Risiken vernünftig gegeneinander abzuwägen.

Frauen sollten nach meiner Auffassung nicht aus Angst vor Hormonen jahrelang Beschwerden ertragen, wenn eine gut gewählte Behandlung eine sinnvolle Möglichkeit wäre.

Und was passiert, wenn eine Frau systemisches Estradiol nicht verträgt?

Das ist in der Praxis gar nicht so ungewöhnlich.

Eine Frau probiert beispielsweise ein Estradiolgel oder Pflaster aus und sagt nach einigen Tagen:

„Das fühlt sich für mich zu viel an.“

Vielleicht bekommt sie Brustspannen, Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen, ein unangenehmes inneres Gefühl oder sie sagt einfach, dass sie sich damit nicht wohlfühlt.

Dann würde ich daraus nicht automatisch schließen:

Diese Frau verträgt grundsätzlich kein Östrogen.

Ich würde zuerst fragen, ob sie überhaupt systemische Beschwerden hat, die behandelt werden müssen.

Wenn nicht, gibt es auch keinen Preis dafür, eine möglichst hohe Estradioldosis auszuhalten.

Hat sie dagegen deutliche systemische Beschwerden, kann gemeinsam mit dem behandelnden Arzt geprüft werden, ob eine niedrigere Dosis oder ein anderer Applikationsweg besser passt. Die aktuellen NICE Empfehlungen sehen ausdrücklich vor, bei HRT die niedrigste wirksame Dosis zu verwenden.

Genau das finde ich wichtig.

Wir behandeln keine Laborzahl.

Wir behandeln auch keine theoretische Vorstellung davon, wie viel Östrogen eine Frau in einem bestimmten Alter haben „müsste“.

Wir behandeln eine Frau.

Frau ab 40 liest nachdenklich in einem Buch und informiert sich über Alternativen, wenn eine systemische Hormontherapie nicht gut vertragen wird.

„Entscheidend ist nicht, möglichst viel Östrogen zu geben, sondern herauszufinden, was die einzelne Frau tatsächlich braucht.“

Parri

Reicht vaginales Estriol manchmal völlig aus?

Ja.

Wenn eine Frau postmenopausal ist, keine belastenden Hitzewallungen oder Nachtschweiß hat und ihr eigentliches Problem im vaginalen oder urogenitalen Bereich liegt, kann eine lokale Östrogentherapie vollkommen ausreichend sein.

NICE empfiehlt vaginales Östrogen ausdrücklich für Beschwerden des sogenannten genitourinären Menopausensyndroms und weist darauf hin, dass es bei Bedarf auch langfristig eingesetzt werden kann, wobei die Behandlung regelmäßig überprüft werden sollte.

Es wäre deshalb falsch zu denken:

„Sie ist nach der Menopause, also braucht sie zusätzlich unbedingt systemisches Estradiol.“

Eine natürliche Postmenopause ist zunächst einmal ein physiologischer Lebensabschnitt und keine Krankheit, die zwangsläufig mit systemischen Hormonen behandelt werden muss.



Aber schützt Estradiol nicht auch die Knochen?

Ja, systemisches Östrogen kann den Knochenverlust nach der Menopause reduzieren und zur Frakturprävention beitragen.

Trotzdem bedeutet das nicht, dass jede beschwerdefreie Frau allein deshalb systemisches Estradiol einnehmen muss.

Hier gehören Alter, Knochenrisiko, familiäre Vorgeschichte, Gewicht, Bewegung, Muskelmasse, Vitamin D Versorgung, Medikamente und andere Osteoporoserisikofaktoren in die Gesamtbetrachtung.

Bei einer Frau mit deutlich erhöhtem Osteoporoserisiko sieht die Diskussion deshalb möglicherweise ganz anders aus als bei einer Frau mit stabiler Knochengesundheit und ohne Beschwerden.

Das ist genau das, was ich unter individueller Frauenmedizin verstehe.

Nicht ein Schema für alle.

Was bedeutet das nun für Estradiol, Estriol und Estron?

Wenn ihr aus diesem Artikel nur eine Sache mitnehmt, dann vielleicht diese:

Die drei Östrogene haben unterschiedliche Schwerpunkte.

Estradiol ist das wichtigste Östrogen unserer reproduktiven Jahre und zugleich das Östrogen, das bei einer systemischen Hormontherapie besonders relevant ist.

Estriol spielt vor allem bei der lokalen vaginalen Behandlung eine wichtige Rolle und kann dort genau das leisten, was gewünscht ist, ohne automatisch den gesamten Körper systemisch mit Östrogen zu versorgen.

Estron wiederum wird nach der Menopause relativ wichtiger und entsteht unter anderem in unserem Fettgewebe.

Keines davon ist einfach „das gute“ oder „das schlechte“ Östrogen.

Und keines ist automatisch für jede Frau notwendig.


Meine persönlichen Schlussworte

Je länger ich mich mit Frauenheilkunde beschäftige, desto weniger mag ich Sätze wie:

„Frauen brauchen ab der Menopause Östrogen.“

Oder das Gegenteil:

„Nach der Menopause braucht eine Frau keine Hormone mehr.“

Beides ist mir zu einfach.

Ich möchte wissen, welche Frau vor mir sitzt, wie alt sie ist, welche Beschwerden sie hat, ob ihre Gebärmutter noch vorhanden ist, wie ihre persönliche und familiäre Vorgeschichte aussieht und vor allem, was sie selbst von einer Behandlung erwartet.

Eine Frau kann mit vaginalem Estriol wunderbar zurechtkommen und keinerlei Bedarf für eine systemische Therapie haben.

Eine andere braucht wegen starker Hitzewallungen und Nachtschweiß eine systemische Behandlung und fühlt sich erst mit Estradiol wieder wohl.

Und eine dritte reagiert bereits auf eine sehr geringe Dosis ausgesprochen empfindlich.

Das ist nicht ungewöhnlich.

Das ist individuelle Medizin.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht immer fragen:

„Welches Östrogen ist das beste?“

Sondern viel häufiger:

„Welches Östrogen braucht diese Frau für genau dieses Problem?“

Und manchmal lautet die Antwort eben auch:

Im Moment keines.

Eure Parri

Parri Mortazavi
Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Frauenheilkunde, TCM, orthomolekulare Medizin und therapeutische Begleitung

FAQ: Estradiol, Estriol und Estron

Ist Estradiol stärker als Estriol?

Estradiol besitzt eine stärkere und länger anhaltende östrogene Wirkung und ist das wichtigste physiologische Östrogen während der reproduktiven Jahre. Estriol wirkt schwächer und wird insbesondere bei lokalen vaginalen Beschwerden eingesetzt. Das macht Estriol aber nicht schlechter, sondern bedeutet lediglich, dass beide Östrogene unterschiedliche therapeutische Schwerpunkte haben.

Kann vaginales Estriol systemisches Estradiol ersetzen?


Bei rein vaginalen oder urogenitalen Beschwerden kann Estriol vollkommen ausreichend sein. Für ausgeprägte systemische Beschwerden wie Hitzewallungen oder Nachtschweiß ist eine lokale Estrioltherapie dagegen normalerweise kein Ersatz für eine systemische Östrogentherapie.


Warum wird nach der Menopause Estron wichtiger?


Weil die Eierstöcke deutlich weniger Estradiol produzieren und andere Gewebe stärker an der Östrogenbildung beteiligt werden. Besonders das Fettgewebe kann Androgene in Östrogene umwandeln, wobei nach der Menopause Estron relativ stärker in den Vordergrund tritt.



Braucht jede Frau nach der Menopause systemisches Estradiol?


Nein. Bei einer natürlichen Menopause wird eine systemische Hormontherapie nicht automatisch allein deshalb notwendig, weil die Estradiolproduktion sinkt. Entscheidend sind Beschwerden, Risiken, Alter, Behandlungsziele und die persönliche Situation.


Warum brauchen Frauen mit Gebärmutter bei systemischem Estradiol meistens zusätzlich Progesteron?

Systemisches Östrogen kann das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut anregen. Wenn eine Gebärmutter vorhanden ist, wird deshalb ein ausreichender Schutz der Gebärmutterschleimhaut durch Progesteron beziehungsweise ein geeignetes Gestagen benötigt.


parri mortazavi heilpraktikerin und hashifit Gründerin

Parri Mortazavi

Heilpraktikerin und Gründerin von Hashifit

Seit über 20 Jahren begleite ich Menschen in meiner naturheilkundlichen Praxis. Meine Schwerpunkte liegen in der Traditionellen Chinesischen Medizin, orthomolekularen Medizin, Psychotherapie sowie in der Begleitung von Frauen mit Hashimoto und in den Wechseljahren.

Hashimoto begleitet mich selbst seit vielen Jahren. Inzwischen kenne ich auch die Veränderungen der Wechseljahre aus eigener Erfahrung.

Damit verbinde ich heute drei Perspektiven: meine langjährige Praxiserfahrung als Heilpraktikerin, meine persönliche Erfahrung als Frau mit Hashimoto und in den Wechseljahren sowie aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Mir ist dabei eines besonders wichtig:

Naturheilkunde und wissenschaftliche Forschung müssen keine Gegensätze sein.

Ich möchte Zusammenhänge verständlich erklären, praktische Möglichkeiten zeigen und genauso ehrlich darüber sprechen, wo Wissen und Forschung ihre Grenzen haben.

Mehr über mich und meine Arbeit →

Mehr über mich und meine Arbeit →

Quellen und weiterführende Literatur

Kolokythas A et al. Impact of vaginal estriol on serum hormone levels: a systematic review. Climacteric, 2024.

NICE. Menopause: identification and management. Aktuelle Empfehlungen zur lokalen vaginalen und systemischen Östrogentherapie.

American College of Obstetricians and Gynecologists. Hormone Therapy for Menopause und The Menopause Years.

Lee und Den Hartigh. Metabolic impact of endogenously produced estrogens by adipose tissue in females and males across the lifespan. Review zur Östrogenproduktion im Fettgewebe und zur Bedeutung von Estron nach der Menopause.

Hetemäki N et al. Female Adipose Tissue Sex Steroid Biosynthesis. 2025. Zur lokalen Bildung von Estron und Estradiol im Fettgewebe vor und nach der Menopause.



Medizinischer Hinweis:
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Welche Form einer Östrogentherapie sinnvoll ist, hängt unter anderem von Beschwerden, Lebensphase, Gebärmutterstatus, persönlicher und familiärer Vorgeschichte sowie bestehenden Risikofaktoren ab.

Vom Wissen zum Hashifit System

Hormone sind ein wichtiger Teil der Frauengesundheit, aber sie sind nicht der einzige.

Deshalb ersetzt Hashifit keine Hormontherapie und soll das auch gar nicht.

Mein Bausteinprinzip beschäftigt sich mit anderen Bereichen, die gerade für Frauen ab 40 ebenfalls wichtig werden können, darunter die tägliche Vitalstoffversorgung, Nervensystem, Schlaf, Darm sowie Leber und Stoffwechsel.

Denn auch wenn Estradiol, Estriol und Estron heute die Hauptrollen in unserem Artikel bekommen haben, besteht unser Körper glücklicherweise nicht nur aus drei Hormonen.

Wer mein Bausteinprinzip kennenlernen möchte, findet auf der Seite „Das Hashifit System“ den Überblick.

das Hashifit system in einer grafik zeigt die 7 schwerpunkte im system Darm, Leber ,Schilddrüse, Vitamine, Nerven, Schlaf

Weitere Blogbeiträge für dich